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Kolonialwaren

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte schrieb 1948 erstmals in der bekannten Geschichte der Menschheit fest, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten sind. Diese Resolution der Vereinten Nationen ist rechtlich nicht bindend, wird es aber werden müssen, wenn wir unseren Planeten erhalten wollen. Denn diese Aufgabe können wir nur gemeinsam lösen, als Freie und Gleiche.

Dass alle Menschen frei und gleich sind, war bis dahin nicht selbstverständlich, im Gegenteil. Aus globaler Perspektive schildert Yuval Noah Harari in A Brief History of Mankind die strukturelle Verflechtung des aufstrebenden Kapitalismus mit der kolonialen Expansion. Es ist die Geschichte von Ungleichheitserzählungen, aufbauend auf den älteren, religiös-feudalen Ausbeutungsnarrativen. Frauenfeindllichkeit scheint dabei als Ur-Mythos jeder gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zugrunde zu liegen. Die weiße Rasse ist eine Erfindung des 17. Jahrhunderts, die die Kategorie des Christen ablöste, als immer mehr Sklaven sich bekehren ließen: Die europäischen Kolonisatoren waren weiß, die unterdrückten Völker eben nicht.

Die Gräuel, die die Nazis in der kurzen Zeitspanne von 1933 bis 1945 begingen, stellten einen Höhepunkt in der Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen dar. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte legte die Grundlage für den Aufbau einer neuen Welt, in der die Gräuel der Nazis sich nie mehr wiederholen sollten. 

In dieser Zeit des Aufbruchs, 1951, trafen sich meine Eltern in einem Londoner Krankenhaus. Mein Vater Kasam-Ali Jinna war der wohlhabende Patient, meine Mutter Gertrud Dessaive die Krankenschwester, beide Jahrgang 1922. Sie verliebten sich und heirateten zu einer Zeit, als bi-ethnische Ehen noch selten waren. Riskant war, dass sie aus sehr unterschiedlichen Kulturen kamen und die gemeinsame Sprache Englisch nicht die Sprache ihrer Herkunftsfamilien war. Was sie verband war die Suche nach einer neuen Lebensperspektive: Kasam-Ali Jinna kam aus dem 1947 von englischer Kolonialherrschaft befreiten Indien, Gertrud Dessaive aus dem 1945 von den Alliierten besiegten Nazi-Deutschland.

Das Ehepaar Jinna bekam drei Mädchen und nannte sie Mariam, Sorya und Susan, nach den wichtigsten religiösen Kulturen Indiens: Islam, Hinduismus und Christentum. Die Ehe verlief zunächst glücklich, obwohl die Eltern erst kurz vor meiner Geburt geheiratet hatten.

Das Foto entstand 1952, entweder auf dem Flughafen London oder München, in der Tragetasche ich. Fliegen war damals ein Luxus, anders als heute. Als das Geld unseres Vaters aufgebraucht war und unsere Mutter wieder als Krankenschwester arbeiten musste, wurde die Ehe schwierig. Sie folgte ihm trotzdem 1957 nach Karachi im neugegründeten Pakistan, wo seine Familie nach der Flucht aus Bombay inzwischen lebte, weil wir Kinder im Pass unseres Vaters verzeichnet waren.

Gertrud fand bei der Deutschen Botschaft als Sekretärin bald eine Anstellung, aber Kasam-Ali konnte im neuen Land keine Arbeit finden und ging zurück nach London. Unsere Mutter versprach nachzukommen, ließ sich stattdessen scheiden und blieb mit uns in Pakistan. Als Ortskraft verdiente sie wenig, aber im kolonial geprägten Pakistan ging es ihr besser als in Deutschland, vor allem als weißer Frau.

Wir drei Schwestern lebten nun in der „deutschen Kolonie“, bzw. an dessen Rand, in der neuen Heimat unseres abwesenden Vaters. Wir bemühten uns möglichst deutsch zu sein, unser Familienname Jinna / Jinnah machte uns jedoch zu Pakistanern, denn der Staatsgründer von Pakistan hieß Mohammad Ali Jinnah. Als ich mit knapp 11 auf einem Stipendium nach Deutschland ins Internat geschickt wurde, konnte ich kein Urdu, nur fehlerhaftes Deutsch und Englisch, und fand es peinlich, als „unser Inderkind“ herumgereicht zu werden. Meine Schwestern kamen im Alter von etwa 16 ebenfalls auf Stipendien in deutsche Internate, ich als Älteste die Anlaufstelle, u.a. in den Ferien. Unsere Mutter blieb in Karachi.

Nach der Internatszeit machte Sorya das Lehrerexamen, Susan wurde Stewardess, beide heirateten bald darauf miteinander befreundete Ärzte und bekamen viele Kinder, 11 neue Deutsche mit Migrationshintergrund, trotz herkunftsdeutscher Väter. Später wurde Sorya CSU-Funktionärin in Schweinfurt und Susan Zeugin Jehovas in Kastellaun. Ich lebte die meiste Zeit in Frankfurt, holte dank der SPD mein Abitur in Wetzlar nach, machte mein Germanistik-Magister in Mainz, heiratete nicht, bekam keine Kinder, und wurde „linke Emanze“, jedenfalls aus Sicht der beiden Schwager. Das hinderte uns aber lange nicht daran, unsere Familienbande zu pflegen.

Dann änderten sich die Zeiten und trieben uns auseinander. 2003 setzte die SPD die Agenda 2010 in Betrieb. Deutschland, eines der reichsten Länder Europas, bekam den größten Niedriglohnsektor in Europa. Die Finanzmarktkrise 2008 verschärfte die zunehmende Einkommensungleichheit und löste Abstiegsängste und Chauvinismus aus. 2010 bündelte Sarrazins islamfeindliches Pamphlet schon länger schwelende Haltungen unter den autochthonen Deutschen.

Ich mit dem klassisch-muslimischen Namen Mariam wurde immer häufiger zur Muslima gemacht und erlebte immer mehr Ausgrenzung und Benachteiligung. Aus der Öffentlichkeitsarbeit des Deutsche-Bank-Privatkundengeschäfts wurde ich rausgemobbt, die neue Chefin war kein Fan von Diversität. Danach baute ich die Öffentlichkeitsarbeit eines großen frei-gemeinnützigen Trägers von Kinderbetreuungseinrichtung in Frankfurt auf: Als Scheinselbständige. Eine Festanstellung wurde mir verweigert: Ich sei „keine von uns“. Nach sieben Jahren wurde ich rausgeekelt, inzwischen in einem Alter, in dem für alle die Arbeitsmarktaussichten schlecht sind, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, und ein jüngerer Herkunftsdeutscher bekam „meinen“ Job – in Festanstellung.

Derweil wurden meine Schwestern in ihren Arztfamilien immer reicher und wandten sich zunehmend von mir ab: Eine arbeitslose Mariam, die an den muslimischen Vater, Schwiegervater und Großvater erinnerte, die war nicht mehr opportun. In dieser Zeit übergab mir Sorya überraschend den Koran unseres Vaters, den sie zuvor stillschweigend aus dem Haushalt der Mutter mitgenommen hatte. In diese Zeit fiel auch meine Kommodifizierung: Etwa 2008, als ich Single wurde, schoben mich meine Schwestern und ihre Familien in den Fokus eines kriminellen Netzwerks, das seither Infraschall-Waffen an mir testet, so risikolos wie für Ärzte in der Nazi-Zeit: Siehe Nachbarseite auf diesem Blog: Vibrierende Wohnungen.

Bloß private Familienangelegenheiten? Als Deutschland mit dem ersten Weltkrieg auch seine Kolonien verlor, gingen die deutschen Nazis dazu über, die eigene Bevölkerung kolonialen Praktiken zu unterziehen. Vulnerable Minderheiten, etwa psychisch Kranke, Menschen mit körperlicher Behinderung, sogenannten Asoziale, sogenannte Zigeuner, Arbeitslose, politisch Linke und vor allem die Deutschen jüdischen Glaubens wurden systematisch ausgegrenzt, ausgebeutet, vertrieben, mit industriellen Methoden ermordet. Menschenversuche an „anderen“ wurden für die Medizin normal. Die Greueltaten der Nazis waren in der Zeit eingeübt worden, in der Deutschland Kolonialmacht war. Schon damals wurde mit den Begriffen „Vernichtungsbefehl“ und „Konzentrationslager“ operiert. 

Inzwischen sind noch keine 100 Jahre um, und in Deutschland scheinen die Lehren aus der Nazi-Zeit in Vergessenheit zu geraten. Deutschlands vielgepriesene Erinnerungskultur ist inzwischen autoritär sklerotisiert, die verbittert verteidigte Singularität des Holocaust verdeckt die Gräuel, die auch in den deutschen Kolonien verübt wurden: „Die Weigerung, den Holocaust und seine Nähe zum Kolonialismus wahrzunehmen, verzerrt unser Verständnis von Geschichte und Erinnerung,“ so Michael Rothberg in einem Aufsatz über Multidirektionale Erinnerung. Notwendigerweise: Mit der Abschottung Europas gegen Zuwanderung soll unsere Imperiale Lebensweise geschützt werden, die auf der neo-kolonialen Ausbeutung des Globalen Südens beruht. In der Flüchtlingspolitik seit 2015 werden die Allgemeinen Menschenrechte sogar grob mißachtet.

Die Wiedergeburt überkommener Ausgrenzungsmuster wird am Handeln des Staates erkennbar. Beispielsweise an der Einführung der Kategorie „Migrationshintergrund“ im Jahr 2005 analog der der „Juden“ in der Nazizeit. Oder an der weiterhin ungeklärten Beteiligung der Sicherheitsbehörden, insbesondere der hessischen, an den NSU-Morden zwischen 2000 und 2006, denen 9 Menschen mit „Migrationshintergrund“ zum Opfer fielen. Am fortdauernden institutionellen Rassismus, beispielsweise erkennbar am Umgang der hessischen Sicherheitsbehörden mit den Hinterbliebenen des Attentats von Hanau im Jahr 2020. Selbst den Öffentlich-Rechtlichen Medien ist der geschichtsvergessene Drall anzumerken, wenn noch immer die Rede ist von den Deutschen und den Juden, mit Vorliebe „jüdischer Herkunft“, als stammten die deutschen Juden aus China. Obwohl Menschen jüdischen Glaubens schon in Mitteleuropa lebten, als es das Christentum noch gar nicht gab.

Müssen wir Deutschen mit irgendwie gearteter Zuwanderungsgeschichte und verordnetem „Migrationshintergrund“  daraus schließen, dass wir auf einen Dauerplatz am Katzentisch abonniert sind? Das ließe sich nur machen, wenn wir die Demokratie abschaffen und die Allgemeinen Menschenrechte in den Wind schreiben. Eine Neuauflage autoritärer Herrschaft würde aber nicht lange funktionieren, denn der alternden autochthonen Bevölkerung steht eine junge gegenüber, die zu einem großen Teil aus dem Globalen Süden stammt: Schon jetzt hat rund ein Viertel der Einwohner*innen bundesweit eine mehr oder weniger direkte Zuwanderungsgeschichte, für Kinder im Kindergartenalter gilt das sogar für rund ein Drittel, und in Frankfurt für sogar über die Hälfte der Einwohner*innen.

Die ausgrenzende Kategorie „Migrationshintergrund“ ist inzwischen möglicherweise sogar die Definition einer neuen In-Group. Denn genau genommen haben wir alle einen Migrationshintergrund, weil die Menschheit schon immer wandert. Die Dessaives beispielsweise wanderten zur Zeit der Industrialisierung auf Arbeitssuche aus Belgien in den Ruhrpott ein, heirateten erst Frauen aus der alten Heimat, dann welche aus der neuen, und sind heute Deutsche. In der Weltwirtschaftskrise ging Opa Heinrich, damals Leiter eines Gutshof, als einfacher Arbeiter auf ein Auswandererschiff nach Buenos Aires, kam wieder, als sein Geld aufgebraucht war, gründete in der Nazi-Zeit eine zweite Familie und fasste im Nachkriegsdeutschland als Buchhalter wieder Fuß. Selbst Thomas und Heinrich Mann hätten nach heutiger Markierungspraxis einen Migrationshintergrund, weil sie eine deutsch-brasilianische Mutter hatten. Was bei der fortgeschrittenen wirtschaftlichen Verflechtung schon im niedergehenden Empire nicht verwunderlich ist. Verwunderlich ist, dass das erst jetzt bekannt wird.

Angesichts der Klima-Krise können wir uns die Preisgabe unserer Demokratie und der allgemeinen Menschenrechte aber nicht mehr leisten. Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh weist in seinem jüngsten Werk darauf hin, dass der Kolonialismus die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen ausgelöst hat: European colonialism helped create a planet in crisis. Die Fortsetzung kolonialer Praktiken und die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Wachstumsideologie würden die Krise des Planeten nicht lösen, sondern vertiefen. Wenn wir nicht aussterben wollen, müssen uns auf eine Welt einstellen, in der die Werte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte endlich gelebt werden: Partizipativ, respektvoll, vielleicht sogar liebevoll. Michael Herl fordert entsprechend in seiner Kolumne in der Frankfurter Rundschau vom 22.03.2022 „ein faires Miteinander aller auf der Welt.“ Klingt irgendwie banal, aber unsere Welt ist eben „Ein fatal-geniales Ganzes„.

Amitav Ghosh setzt seine Hoffnung auf Bürgerbewegungen, etwa die Black Lives Matter-Bewegung. Die wochenlangen Aufstände 2020 in den USA wegen der Ermordung von George Floyd, der Hafensturz der Colston-Statue, die Revision der Rolle von kolonialzeitlichen Helden: How to kill a god: the myth of Captain Cook shows how the heroes of empire will fall lassen eine Zeitenwende erahnen. Bereits eingeläutet: Das Ende weißer Immunität.

Noch wehren sich die ewiggestrigen alten weißen Männer gegen den Verlust ihrer Vormacht, sowohl in der Welt wie auch gegenüber Frauen, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Nach uns die Sintflut, und wenn es den Fortbestand der Welt kostete! Aber alle Imperien gehen irgendwann unter. Wollen wir dabei nur zusehen? Oder die neue Welt mit unserem heutigen Wissen auch mitgestalten?

Erste Veröffentlichung März 2018, Update Oktober 2021, Update März 2022