Kolonialwaren

Nach den globalen Greueln des Zweiten Weltkrieges sortierte sich die Welt neu, eine bessere Zukunft im Blick: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte! Überwindung des Rassenhasses! Religion wird Privatsache! Demokratie! Gleichstellung der Geschlechter! Wohlstand für alle! Nie wieder Krieg!

1951 trafen sich ein Mann aus dem de-kolonisierten Indien und eine Frau aus dem besiegten Nazi-Deutschland in London, Kassam-Ali Jinna und Gertrud Dessaive. Sie verliebten sich und heirateten, die gemeinsame Sprache Englisch für beide nicht die Sprache ihrer Herkunftsfamilie. Das Ehepaar Jinna bekam drei Mädchen: Mariam, Sorya und Susan, Namen aus den drei damals wichtigsten religiös geprägten Kulturen Indiens: Islam, Hinduismus, Christentum. Ob die heterogene Namensgebung für Weltoffenheit stand, oder für die kulturelle Unbehaustheit der Eltern, wir wissen es nicht, denn sie trennten sich bald. Jedenfalls scheint die Heterogenität unserer Namen unsere jeweilige Wahl eines sozialen Bezugsrahmens beeinflusst zu haben: Eine wurde feministische Linke, eine CSU-Funktionärin, eine Zeugin Jehovas.

Das hinderte uns lange nicht daran, unsere Familienbande zu pflegen und weltanschauliche Unterschiede mit Humor zu akzeptieren. Zwei heirateten miteinander befreundete Ärzte, eine blieb solo. Die nächste Generation kam zur Welt, 11 neue Deutsche mit Migrationshintergrund, trotz herkunftsdeutscher Väter. Dann änderten sich die Zeiten und trieben uns auseinander: Divide and Rule. Explodierende Einkommensungleichheit, Gier, Egoismus, Rassismus. Die einen wurden reicher, die feministische Linke wurde ärmer, ausgenommen und aktiv ausgegliedert, so, wie es im neoliberalen Kapitalismus und davor in der Nazizeit vielen ergangen ist. Inzwischen trennen uns Welten. Beim Begräbnis unserer religionsfernen Mutter beanspruchte einer der beiden Ehemänner in der Rolle des wohlhabenden weißen Mannes die Definitionsmacht über unsere bi-ethnische Familie, um eine spontane christliche Ansprache zu halten, weil er mehrmals Bundeswehrarzt in Afghanistan gewesen sei. Eine Zeugin Jehovas, eine religionskritische Linke und ein alter Freund mit jüdischer Mutter standen betreten dabei.

Bloß private Familiengeschichten? Die koloniale Politik der Schaffung oder Vertiefung von Gräben, um Ausbeutungsinteressen durchzusetzen, die funktioniert auf Nationalstaatsebene ebenso wie in Kleingruppen. An der Kolonisierung der Welt waren auch Deutsche beteiligt, und nachdem mit dem ersten Weltkrieg auch die Kolonien verloren waren, gingen die deutschen Nazis dazu über, die eigene Bevölkerung zu kolonisieren. Vulnerable Minderheiten, etwa psychisch Kranke, sogenannten Asoziale, sogenannte Zigeuner, Arbeitslose, politisch Linke und Juden wurden ausgegrenzt, ausgebeutet, vertrieben und ermordet. Die strukturelle Verflechtung des aufstrebenden Kapitalismus mit der kolonialen Expansion schildert Yuval Noah Harari in A Brief History of Mankind. Es ist die Geschichte von ideologisch legitimierter Ungleichheit, was den Zugang zu sozialen und materiellen Gütern betrifft.

Heute, da auch der letzte Winkel unseres Planeten vernetzt und vernutzt ist, werden die in den Kolonien bewährten Herrschaftstechniken des renditesuchenden Kapitals bei uns akut. Das wichtigste soziale Instrument kolonialer Herrschaft, der systemische Rassismus, breitet sich bei uns aus wie ein Virus, befeuert von denen, die davon wirtschaftlich profitieren. Dahinter verbirgt sich die vom Finanzkapitalismus betriebene Refeudalisierung Deutschlands: Vom Regierungsbündnis SPD/Grüne begonnen und durch die neoliberale Politik der Merkel-Group, CDU/CSU, seit 2005 strikt umgesetzt. Indizien sind die staatlich geförderte Umverteilung des Wohlstands von unten nach oben und der soziale Kahlschlag unter dem Vorwand der „schwarzen Null“.

Besorgniserregend ist, dass dies in Deutschland geschieht. Die weltweit vielgelobte Aufarbeitung der rassistisch legitimierten Verbrechen der Nazis scheint nicht viel gefruchtet zu haben, wenn noch immer, selbst in den Öffentlich-Rechtlichen Medien, die Rede ist von den Deutschen und den Juden, mit Vorliebe „jüdischer Herkunft“, als stammten die deutschen Juden aus China. Dabei plünderten und mordeten die Nazis eine markierte Minderheit aus der eigenen Bevölkerung, und zwar nach dem Vorbild der Ausplünderung und Ausrottung der indigenen Indianer in Amerika. Was andere markierte Minderheiten, beispielsweise uns Deutsche „mit Migrationshintergrund“, das Fürchten lehren könnte.

Gegenwärtig scheint wegen der Binnenkolonisierung unserer Gesellschaft unser vielfältiges demokratisches Miteinander bedroht. Die Abschottung Europas vor Zuwanderung, die Weigerung, Geflüchtete aufzunehmen, Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, die Militarisierung der Polizei, die AfD im Römer, im hessischen Landtag, im Bundestag, die ungeklärte Beteiligung der Sicherheitsbehörden, insbesondere der hessischen, an den NSU-Morden. Die Indizien mehren sich, dass wir längst in einer Fassadendemokratie leben, hinter der ein vom Finanzkapital regierter „Tiefer Staat“ die Politik bestimmt: Schlechte Aussichten für Minderheiten, Subordinierte, Hilfsbedürftige: Frauen. Alte. Kranke. Kinder. Schwule. Behinderte. Migrationsdeutsche. Die Liste ließe sich verlängern.

Jüngstes Beispiel für die zunehmende gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft, auch noch auf politisch höchster Ebene: Wegen einer Polizei-kritischen Satire hatte Innenminister Horst Seehofer (CSU) einer taz-Kolumnistin mit Migrationshintergrund eine Anzeige angedroht. Nach bundesweiten Protesten „verzichtete“ er zwar darauf, aber es bleibt die Botschaft des Innenministers an Rechtsextreme. Die Frau, vor allem die mit Migrationshintergrund: „Sie soll schweigen.“ So die Zeit-Kolumnistin Mely Kiyak in ihrer Deutschstunde vom 22. Juni 2020. Pikant an diesem Fall ist, dass die vom selbsternannten „Heimat“-Minister Seehofer bedrohte taz-Kolumnistin eine der beiden Herausgeberinnen einer Anthologie ist: Eure Heimat ist unser Albtraum. Ob Seehofers Vorstellung von „Heimat“ alle Bevölkerungsgruppen als Gleichberechtigte einschließt und damit Demokratie-kompatibel ist? Seine FührungsMannschaft spricht nicht dafür: Lauter alte weiße Männer. Die NSU 2.0-Hassmails an öffentlich bekannte Frauen ergänzen das gegenwärtige Lagebild.

Eigentlich sind wir Menschen im Auslieferungszustand Wanderer und als solche auf soziale Kooperation ohne Ansehen von sozialen Klassifikationen angewiesen. Viele Deutsche wanderten im vorletzten und letzten Jahrhundert als Armutsflüchtlinge nach Nord- und Südamerika aus. Meine deutschen Ahnen wanderten zur Zeit der industriellen Revolution aus Belgien in den Ruhrpott ein. Dort haben sie gearbeitet, sich verpartnert, Kinder bekommen, irgendwann wurden sie Deutsche. Heute hat rund ein Viertel der Einwohner*innen bundesweit eine mehr oder weniger direkte Zuwanderungsgeschichte, für Kinder im Kindergartenalter gilt das sogar für rund ein Drittel. Selbst Thomas und Heinrich Mann hätten nach heutiger Markierungspraxis einen Migrationshintergrund, weil sie eine deutsch-brasilianische Mutter hatten. Was bei der fortgeschrittenen Globalisierung schon im niedergehenden Empire nicht so verwunderlich ist. Verwunderlicher ist, warum das erst jetzt bekannt wird. 

Was tun? Die alten kolonialistisch-kapitalistischen Herrschaftsmethoden werden uns wahrscheinlich über kurz oder lang in den kollektiven Untergang treiben. Kapitalismus samt Neo-Kolonialismus zum Teufel jagen und eine neue Form des Zusammenlebens probieren? Den gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand gerecht verteilen, und zwar an alle auf der Welt? Enteignung, wenn es um Güter der Daseinsvorsorge und des Gemeinwohls geht? Ob die Corona-Pandemie dazu beitragen wird, unsere gnadenlose Imperiale Lebensweise endlich zu hinterfragen?

Die wochenlangen Aufstände wegen der Ermordung des Afro-Amerikaners George Floyd und der Hafensturz der Colston-Statue im englischen Bristol weisen auf eine Zeitenwende. Wie uns im Westen die postkoloniale Globalisierung im Zeichen der Pandemie berührt, auch emotional, das beschreibt die Publizistin Charlotte Wiedemann kurz und knackig: Das Ende weißer Immunität. Dagegen wehren sich die alten Weißen in Machtpositionen, beispielsweise Seehofer, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden, durchaus beachtlichen Mittel. Nach uns die Sintflut, und wenn es den Fortbestand der Welt kostete! War schon mal so, beim Übergang von der Weimarer Republik zum Nazi-Reich. Aber alle Imperien gehen irgendwann unter. Die Frage ist bloß: Wie?

Dieser Blog ist ein Nachfolgemodell: Den Vorgänger löschte ich in meiner Verzweiflung, als ich 2014 aus der ersten Wohnung mittels des kriminellen Missbrauchs von Mikrowellen und tieffrequentem Schall vertrieben wurde. Trotz meiner inzwischen sechs Umzüge in sechs Jahren konnte ich noch keinen staatlichen Schutz aufrufen: Indiz für den Verfall unseres Gemeinwesens, das nun offenbar wirtschaftliche Interessen über die grundgesetzlichen Rechte von uns Bürger*innen stellt. Wobei mein ausländisch klingender Nachname und insbes. mein muslimischer Vorname wahrscheinlich erschwerend hinzukommen. Mehr hier: Vibrierende Wohnungen.

Welchen Spielraum haben wir, um Fehlentwicklungen zu korrigieren? Wieviel Zeit bleibt uns noch? Wie soll unsere gemeinsame Zukunft aussehen?

Erste Veröffentlichung März 2018, Update August 2020