Kolonialwaren

Nach den Gräueln der Nazi-Zeit in Deutschland und denen des Zweiten Weltkrieges sollte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte eine neue Ära einläuten, in der erstmals festgeschrieben wurde, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind. Dieses Bekenntnis zur Gleichheit der Menschen unabhängig von Ethnie, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung etc. sollte die weltweite Etablierung der Demokratie einläuten – eigentlich.

In dieser Zeit des Aufbruchs, 1951, trafen sich meine Eltern in London in einem Krankenhaus. Mein Vater Kasam-Ali Jinna aus dem 1947 von englischer Kolonialherrschaft befreiten Indien war der wohlhabende Patient, meine Mutter Gertrud Dessaive aus dem 1945 besiegten Nazi-Deutschland die Krankenschwester. Sie verliebten sich und heirateten, die gemeinsame Sprache Englisch für beide nicht die Sprache ihrer Herkunftsfamilie, beide nach dem Verlust ihrer Lebensleitplanken wahrscheinlich verunsichert und auf der Suche nach einer neuen Lebensperspektive. Das Ehepaar Jinna bekam drei Mädchen: Mariam, Sorya und Susan. Namen aus den drei damals wichtigsten religiös geprägten Kulturen Indiens: Islam, Hinduismus, Christentum. Stand die heterogene Namensgebung für Toleranz und Weltoffenheit oder für die kulturelle Unbehaustheit der Eltern? Wir wissen es nicht, denn sie trennten sich acht Jahre später.

Meine Schwestern heirateten miteinander befreundete Ärzte und bekamen viele Kinder, 11 neue Deutsche mit Migrationshintergrund, trotz herkunftsdeutscher Väter. Als die Kinder größer wurden, wurde Sorya CSU-Funktionärin in Schweinfurt, Susan Zeugin Jehovas in Kastellaun. Ich heiratete nicht und bekam auch keine Kinder, führte stattdessen ein Leben in Suchbewegungen und wurde aus Sicht der Schwager „linke Emanze“. Das hinderte uns lange nicht daran, unsere Familienbande zu pflegen.

Dann änderten sich die Zeiten und trieben uns auseinander. 2003 setzte die SPD die Agenda 2010 in Betrieb. 2008 gab es wieder eine Finanzmarktkrise. Die Einkommensungleichheit explodierte und löste Abstiegsängste und Chauvinismus aus. 2010 bündelte Sarrazins islamfeindliches Pamphlet schon länger schwelende Haltungen unter den autochthonen Deutschen, mit Re-Religionisierung und Re-Rassifizierung im Gefolge. Ich mit dem klassisch-muslimischen Namen Mariam wurde immer häufiger zur Muslima gemacht, wie frühere Deutsche zur Sarah.

Aus der Öffentlichkeitsarbeit des Deutsche-Bank-Privatkundengeschäfts wurde ich rausgemobbt, die neue Chefin der Abteilung machte klare Ansagen über Inder und ich lachte mir eins, als Anshu Jain kurz mal Chef wurde. Danach baute ich die Öffentlichkeitsarbeit eines großen frei-gemeinnützigen Trägers von Kinderbetreuungseinrichtung in Frankfurt auf: Als Scheinselbständige, obwohl dieser Verein von der Kommune finanziert wurde und keinem wirtschaftlichen Erfolgsdruck standhalten musste. Eine Festanstellung wurde mir verweigert: Ich sei „keine von uns“. Nach sieben Jahren wurde ich formlos gefeuert, inzwischen in einem Alter, in dem für alle die Arbeitsmarktaussichten schlecht sind, ob mit Migrationshintergrund oder ohne. Ein jüngerer Herkunftsdeutscher, den ich viele Jahre zuvor als Kabelträger bei meinen Drehs kennengelernt hatte, bekam den Job in Festanstellung, obwohl er dafür nach meiner Beobachtung nicht qualifiziert war. Der Verlust meiner Scheinselbständigkeit hatte zur Folge, dass ich immer ärmer wurde, folglich immer weniger Freunde hatte und sozial in immer größere Isolierung rutschte.

Meine Schwestern mit den unverdächtigen Vornamen und ihre Familien wurden reicher, äußerten immer neo-feudalere Ansichten und wandten sich von mir zunehmend ab, wohl auch, um sich vom musliminschen Vater, Schwiegervater und Großvater abzugrenzen. Meine Schweinfurter Schwester Sorya übergab mir in dieser Zeit überraschend den Koran unseres Vaters, den sie zuvor ohne Rücksprache aus dem Haushalt der Mutter mitgenommen hatte. Zu allem Übel wurde ich nicht nur nicht geschützt, wie das bei einer engen Verwandten erwartbar gewesen wäre, sondern im Gegenteil kommodifiziert, ausgenommen und aktiv ausgegliedert, so, wie es im gegenwärtigen neoliberalen Kapitalismus vielen ergeht und davor in der Nazizeit vielen wehrlos gemachten „Geanderten“ ergangen war.

Der Rechtsruck in der Gesellschaft und das zunehmende Schwinden von Empathie, Solidarität und Anstand bei meinen Verwandten veränderte das 30 bis 40 Jahre lang freundliche und enge Familienverhältnis. Inzwischen trennen uns Welten. Beim Begräbnis unserer religionsfernen Mutter im Jahre 2017 beanspruchte einer der beiden Ehemänner in der Rolle des wohlhabenden weißen Mannes die Definitionsmacht über unsere bi-ethnische Frauen-Familie, um spontan das „Vater unser“ anzusetzen, weil er mehrmals Bundeswehrarzt in Afghanistan gewesen sei: Alle, die „christlich gesinnt“ seien, sollten ihm nachsprechen.

Bloß private Familiengeschichten? Die koloniale Politik der Schaffung oder Vertiefung von Gräben, um Ausbeutungsinteressen durchzusetzen, die funktioniert auf Nationalstaatsebene ebenso wie in Kleingruppen. An der Kolonisierung der Welt waren auch Deutsche beteiligt, und nachdem mit dem ersten Weltkrieg auch die Kolonien verloren waren, gingen die deutschen Nazis dazu über, die eigene Bevölkerung zu kolonisieren. Vulnerable Minderheiten, etwa psychisch Kranke, sogenannten Asoziale, sogenannte Zigeuner, Arbeitslose, politisch Linke und vor allem die Deutschen jüdischen Glaubens als historisch tradierte „andere“ wurden systematisch ausgegrenzt, ausgebeutet, vertrieben, mit industriellen Methoden ermordet. Die Einübung in Greueltaten, mitsamt der Preisgabe zivilatorischer Standards und kultureller Normen, das geschah in der Zeit, in der Deutschland Kolonialmacht war. Schon da wurde mit den Begriffen „Vernichtungsbefehl“ und „Konzentrationslager“ operiert: Germany comes to terms with its forgotten Namibian death camps.

Aus globaler Perspektive schildert Yuval Noah Harari in A Brief History of Mankind die strukturelle Verflechtung des aufstrebenden Kapitalismus mit der kolonialen Expansion. Es ist die Geschichte von ideologisch legitimierter Ungleichheit, was den Zugang zu sozialen und materiellen Gütern betrifft, aufbauend auf dem älteren, religiös-feudalen Ausbeutungsnarrativ. Frauenhass bzw. Misogynie scheint dabei als Ur-Mythos seit der Sesshaftwerdung der Menschheit jeder gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zugrunde zu liegen.

Heute, da auch der letzte Winkel unseres Planeten vernetzt und vernutzt ist, werden die in den Kolonien und der Nazizeit bewährten Herrschaftstechniken des renditesuchenden Kapitals bei uns in Deutschland wieder akut. Dahinter verbirgt sich die vom heutigen Finanzkapitalismus betriebene Spaltung und Refeudalisierung Deutschlands: Vom Regierungsbündnis SPD/Grüne mit der Agenda 2010 begonnen und durch die neoliberale Politik der Merkel-Group seit 2005 strikt umgesetzt. Deutschland, eines der reichsten Länder Europas, hat den größten Niedriglohnsektor in Europa: Geboten wäre eigentlich die Teilhabe aller am gemeinsam erarbeiteten Wohlstand, als Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.

Besorgniserregend ist, dass dies alles, Re-Nationalisierung, Re-Rassifizierung, Re-Feudalisierung zum Nachteil der Demokratie, in Deutschland geschieht, und dass dabei die Lehren aus der jüngeren Geschichte in Vergessenheit geraten. Hat die Aufarbeitung der rassistisch legitimierten Verbrechen der Nazis nichts gefruchtet, wenn noch immer, selbst in den Öffentlich-Rechtlichen Medien, die Rede ist von den Deutschen und den Juden, mit Vorliebe „jüdischer Herkunft“, als stammten die deutschen Juden aus China? Obwohl Menschen jüdischen Glaubens schon in Mitteleuropa leben, als es das Christentum noch gar nicht gab??

Die fortgesetzte Ausgrenzung einer deutschen Bevölkerungsgruppe, die schon so lange hier lebt, verweist uns Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte und staatlich verordnetem „Migrationshintergrund“-Titel auf einen Dauerplatz am Katzentisch, unabhängig von unserem stetig wachsenden Anteil an der Bevölkerung. Schon jetzt hat rund ein Viertel der Einwohner*innen bundesweit eine mehr oder weniger direkte Zuwanderungsgeschichte, für Kinder im Kindergartenalter gilt das sogar für rund ein Drittel. Kann die Verweigerung von gleichberechtigter Teilhabe für den Fortbestand einer Gesellschaft, gar einer Demokratie, auf lange Sicht gut gehen?

Gegenwärtig scheint unser vielfältiges demokratisches Miteinander sogar akut bedroht. Die harte Abschottung Europas vor Zuwanderung seit etwa 20 Jahren, Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, die Militarisierung der Polizei, die rassistische wirtschaftsnahe AfD im Römer, im hessischen Landtag, im Bundestag, die ungeklärte Beteiligung der Sicherheitsbehörden, insbesondere der hessischen, an den NSU-Morden, denen 9 Bürger*innen mit Migrationshintergrund zum Opfer fielen, der dennoch fortdauernde institutionelle Rassismus, wie der Umgang der hessischen Sicherheitsbehörden mit den Hinterbliebenen des Attentats von Hanau zeigt, auf Bundesebene die demokratisch nicht ausreichend legitimierten Grundrechtsverletzungen zur Eindämmung der Covid19-Pandemie, beispielweise in Form zunehmender Überwachung und Einschränkung persönlicher Bewegungsfreiheit. Die Indizien mehren sich, dass wir schon länger in einer Fassadendemokratie leben, hinter der Konzerne und Kapital sich die Politik kaufen, die sie brauchen: Schlechte Aussichten für Minderheiten, Subordinierte, Hilfsbedürftige: Frauen. Alte. Kranke. Kinder. Schwule. Behinderte. Migrationsdeutsche. Die Liste ließe sich verlängern.

Eigentlich sind wir Menschen im Auslieferungszustand Wanderer und als solche auf Kooperation ohne Ansehen von ethnischen, kulturellen oder sozialen Klassifikationen angewiesen: Meine deutschen Ahnen wanderten zur Zeit der industriellen Revolution aus Belgien in den Ruhrpott ein. Dort haben sie gearbeitet, sich verpartnert, Kinder bekommen, irgendwann wurden sie Deutsche. Nach der Weltwirtschaftskrise wurde es wieder eng und mein Großvater Heinrich Dessaive ging auf einem Auswandererschiff nach Buenos Aires, kam aber auch wieder zurück, als er da noch sein letztes Geld verlor. Selbst Thomas und Heinrich Mann hätten nach heutiger Markierungspraxis einen Migrationshintergrund, weil sie eine deutsch-brasilianische Mutter hatten. Was bei der fortgeschrittenen Globalisierung schon im niedergehenden Empire nicht so verwunderlich ist. Verwunderlicher ist, warum das erst jetzt bekannt wird.

Was tun? Die bisherigen ausbeuterischen Vergesellschaftungsstrukturen werden uns wahrscheinlich über kurz oder lang in den kollektiven Untergang treiben. Kapitalismus samt Neo-Kolonialismus zum Teufel jagen? Von unserer Imperialen Lebensweise endlich ablassen und neue Formen des Zusammenlebens probieren? Den gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand gerecht verteilen, und zwar an alle auf der Welt? Enteignung, wenn es um Güter der Daseinsvorsorge und des Gemeinwohls geht?

Die wochenlangen Aufstände wegen der Ermordung des Afro-Amerikaners George Floyd und der Hafensturz der Colston-Statue im englischen Bristol weisen auf eine Zeitenwende. Wie uns im Westen die postkoloniale Globalisierung im Zeichen der Pandemie berührt, auch emotional, das beschreibt die Publizistin Charlotte Wiedemann kurz und knackig: Das Ende weißer Immunität. Dagegen wehren sich die inzwischen sprichwörtlichen alten weißen Männer in Machtpositionen, beispielsweise Seehofer, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden, durchaus beachtlichen Mitteln. Nach uns die Sintflut, und wenn es den Fortbestand der Welt kostete! Aber alle Imperien gehen irgendwann unter. Die Frage ist bloß: Wie?

Dieser Blog ist ein Nachfolgemodell: Den Vorgänger löschte ich in meiner Verzweiflung, als ich 2014 aus der ersten Wohnung mittels des kriminellen Missbrauchs von Mikrowellen und tieffrequentem Schall vertrieben wurde. Trotz meiner inzwischen sechs Umzüge in sechs Jahren konnte ich noch keinen staatlichen Schutz aufrufen: Indiz für den Verfall unseres Gemeinwesens, das nun offenbar wirtschaftliche Interessen über die weltweiten allgemeinen Menschenrechte und die vom deutschen Grundgesetz garantierten Rechte von uns Bürger*innen stellt. Wobei mein ausländisch klingender Nachname und insbes. mein muslimischer Vorname wahrscheinlich erschwerend hinzukommen. Mehr hier: Vibrierende Wohnungen.

Erste Veröffentlichung März 2018, Update März 2021