kolonialwaren-ffm.de

Kolonialwaren

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte schrieb 1948 erstmals in der bekannten Geschichte der Menschheit fest, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten sind. Diese Resolution der Vereinten Nationen ist nicht bindend, wird es aber werden müssen, wenn wir unseren Planeten erhalten wollen. Denn diese Aufgabe können wir nur gemeinsam lösen, als Freie und Gleiche.

Dass alle Menschen frei und gleich sind, war bis dahin nicht selbstverständlich, im Gegenteil. Aus globaler Perspektive schildert Yuval Noah Harari in A Brief History of Mankind die strukturelle Verflechtung des aufstrebenden Kapitalismus mit der kolonialen Expansion. Es ist die Geschichte von Ungleichheitserzählungen, aufbauend auf den älteren, religiös-feudalen Ausbeutungsnarrativen. Frauenfeindllichkeit scheint dabei als Ur-Mythos jeder gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zugrunde zu liegen. Die weiße Rasse ist eine Erfindung des 17. Jahrhunderts, die die Kategorie des Christen ablöste, als immer mehr Sklaven sich bekehren ließen: Die europäischen Kolonisatoren waren weiß, die unterdrückten Völker eben nicht.

Ab 1914 überzogen die Deutschen Europa mit Krieg und setzten dabei Giftgas als Waffe ein, erstmals in der Militärgeschichte. Zwischen 1933 bis 1945 bürokratisierten und industrialisierten die Nazis das Plündern und Morden zulasten von „anderen“ und vor allem zulasten von Deutschen und Europäern jüdischen Glaubens. Ausgeblutet von den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert, die von Deutschland ausgegangen waren, verließen die Engländer 1947 Hals über Kopf ihre Kolonie auf dem indischen Subkontinent und teilten das Gebiet dabei in zweieinhalb Staaten auf, aus denen später drei wurden: Pakistan, Indien, Bangladesh.

1951 trafen sich meine Eltern in einem Londoner Krankenhaus, beide Jahrgang 1922. Mein Vater Kasam-Ali Jinna war der wohlhabende Patient aus dem 1947 von englischer Kolonialherrschaft befreiten Indien, meine Mutter Gertrud Dessaive die mittellose Krankenschwester aus dem 1945 von den Alliierten besiegten Nazi-Deutschland. Sie verliebten sich und heirateten zu einer Zeit, als bi-ethnische Ehen noch selten waren. Riskant war, dass er aus dem Globalen Süden kam, sie dagegen aus dem privilegierten Globalen Norden, dass sie keine kulturellen Anknüpfungspunkte hatten, und dass die gemeinsame Sprache Englisch nicht die Sprache ihrer Herkunftsfamilien war. Was sie wahrscheinlich verband war die Suche nach einer neuen Lebensperspektive. Das Ehepaar Jinna bekam drei Mädchen und nannte sie Mariam, Sorya und Susan, nach den wichtigsten religiösen Kulturen Indiens: Islam, Hinduismus und Christentum. Die Ehe verlief anfangs wohl glücklich, obwohl die Eltern erst kurz vor meiner Geburt geheiratet hatten, wahrscheinlich auf Drängen meiner Mutter.

Das Foto entstand 1952, entweder auf dem Flughafen London oder München, in der Tragetasche ich. Fliegen war damals ein Luxus, anders als heute. Als das Geld unseres Vaters aufgebraucht war und unsere Mutter wieder als Krankenschwester arbeiten musste, wurde die Ehe schwierig. Sie folgte ihm trotzdem 1957 nach Karachi im neugegründeten Pakistan, wo seine Familie nach der Flucht aus Bombay inzwischen lebte, weil wir Kinder im Pass unseres Vaters verzeichnet waren. Gertrud fand bei der Deutschen Botschaft als Sekretärin bald eine Anstellung, aber Kasam-Ali war in Pakistan fremd, hatte keine Kontakte, konnte folglich keine Arbeit finden und ging zurück nach London. Unsere Mutter versprach nachzukommen, ließ sich stattdessen scheiden und blieb mit uns Kindern in Pakistan. Als Ortskraft verdiente sie zwar wenig, aber im kolonial geprägten Pakistan ging es ihr anscheinend besser als in Deutschland, vor allem als weißer Frau.

Wir drei Schwestern lebten nun in der „deutschen Kolonie“, bzw. an dessen Rand, in der neuen Heimat unseres abwesenden Vaters. Wir bemühten uns möglichst deutsch zu sein, unser Familienname Jinna / Jinnah machte uns jedoch zu Pakistanern, denn der Staatsgründer von Pakistan hieß Mohammad Ali Jinnah. Als ich mit knapp 11 auf einem Stipendium nach Deutschland ins Internat geschickt wurde, konnte ich kein Urdu, nur fehlerhaftes Deutsch und Englisch, und fand es peinlich, als „unser Inderkind“ herumgereicht zu werden. Meine Schwestern kamen im Alter von etwa 16 ebenfalls auf Stipendien in deutsche Internate, ich als Älteste die Anlaufstelle, u.a. in den Ferien. Unsere Mutter blieb in Karachi.

Nach der Internatszeit machte Sorya das Lehrerexamen, Susan wurde Stewardess, beide heirateten bald darauf miteinander befreundete Ärzte und bekamen viele Kinder, 11 neue Deutsche mit Migrationshintergrund, trotz herkunftsdeutscher Väter. Später wurde Sorya CSU-Funktionärin in Schweinfurt und Susan Zeugin Jehovas in Kastellaun. Ich lebte die meiste Zeit in Frankfurt, holte dank der SPD mein Abitur in Wetzlar nach, machte mein Germanistik-Magister in Mainz, heiratete nicht, bekam keine Kinder, und wurde „linke Emanze“, jedenfalls aus Sicht der beiden Schwager. Das hinderte uns aber lange nicht daran, unsere Familienbande zu pflegen.

Dann änderten sich die Zeiten und trieben uns auseinander. 2003 setzte die SPD die Agenda 2010 in Betrieb. Deutschland, eines der reichsten Länder Europas, bekam den größten Niedriglohnsektor in Europa. Die Finanzmarktkrise 2008 verschärfte die zunehmende Einkommensungleichheit und löste Abstiegsängste und Chauvinismus aus. 2010 bündelte Sarrazins islamfeindliches Pamphlet schon länger schwelende Haltungen unter den autochthonen Deutschen.

Ich mit dem klassisch-muslimischen Namen Mariam wurde immer häufiger zur Muslima gemacht und erlebte immer mehr Ausgrenzung und Benachteiligung. Aus der Öffentlichkeitsarbeit des Deutsche-Bank-Privatkundengeschäfts wurde ich rausgemobbt, die neue Chefin war kein Fan von Diversität. Danach baute ich die Öffentlichkeitsarbeit eines großen frei-gemeinnützigen Trägers von Kinderbetreuungseinrichtung in Frankfurt auf: Als Scheinselbständige. Eine Festanstellung wurde mir verweigert: Ich sei „keine von uns“. Nach sieben Jahren wurde ich rausgeekelt, inzwischen in einem Alter, in dem für alle die Arbeitsmarktaussichten schlecht sind, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, und ein jüngerer Herkunftsdeutscher bekam „meinen“ Job – in Festanstellung.

Derweil wurden meine Schwestern in ihren Arztfamilien immer reicher und wandten sich zunehmend von mir ab: Eine arbeitslose Mariam, die an den muslimischen Vater erinnerte, die war nicht mehr opportun. In dieser Zeit übergab mir Sorya überraschend den Koran unseres Vaters, den sie zuvor stillschweigend aus dem Haushalt der Mutter mitgenommen hatte. In diese Zeit fiel auch meine Kommodifizierung: Etwa 2008, als ich Single wurde, schoben mich meine engsten Angehörigen in den Fokus eines kriminellen Netzwerks, das seither Infraschall-Waffen an mir testet, in der medizinischen Tradition der Nazi-Zeit, in der Menschenversuche an „anderen“ erlaubt waren, eine Praxis aus der Zeit, in der Deutschland Kolonialmacht war. Schon damals wurde auch mit den Begriffen „Vernichtungsbefehl“ und „Konzentrationslager“ operiert. 

Die Zeit des Nationalsozialismus ist noch keine 100 Jahre her, und Deutschlands vielgepriesene Erinnerungskultur ist schon autoritär sklerotisiert, vermutlich nicht ganz zufällig. Die bedingungslose politische Unterstützung Israels wurde deutsche Staatsräson, aber die Zeche für die Holocaustbewältigung bezahlen die Palästinenser, denen ihr Land geraubt wurde. Die verbittert verteidigte Singularität des Holocaust, beispielsweise anlässlich der documenta15, verdeckt die Gräuel, die auch in den deutschen Kolonien verübt wurden: „Die Weigerung, den Holocaust und seine Nähe zum Kolonialismus wahrzunehmen, verzerrt unser Verständnis von Geschichte und Erinnerung,“ so Michael Rothberg in einem Aufsatz über Multidirektionale Erinnerung. Notwendigerweise: Mit der Abschottung Europas gegen Zuwanderung soll unsere Imperiale Lebensweise geschützt werden, die auf der neo-kolonialen Ausbeutung des Globalen Südens beruht. In der Flüchtlingspolitik seit 2015 werden die Allgemeinen Menschenrechte sogar grob mißachtet.

Die Wiedergeburt überkommener Ausgrenzungsmuster wird am Handeln des Staates erkennbar. Beispielsweise an der Einführung der Kategorie „Migrationshintergrund“ im Jahr 2005 analog der der „Juden“ in der Nazizeit. Oder an der weiterhin ungeklärten Beteiligung der Sicherheitsbehörden, insbesondere der hessischen, an den NSU-Morden zwischen 2000 und 2006, denen 9 Menschen mit „Migrationshintergrund“ zum Opfer fielen. Am fortdauernden institutionellen Rassismus, beispielsweise erkennbar am Umgang der hessischen Sicherheitsbehörden mit den Hinterbliebenen des Attentats von Hanau im Jahr 2020. Selbst den Öffentlich-Rechtlichen Medien ist der geschichtsvergessene Drall anzumerken, wenn noch immer die Rede ist von den Deutschen und den Juden, mit Vorliebe „jüdischer Herkunft“, als stammten die deutschen Juden aus China. Obwohl Menschen jüdischen Glaubens schon in Mitteleuropa lebten, als es das Christentum noch gar nicht gab.

Müssen wir Deutschen mit irgendwie gearteter Zuwanderungsgeschichte und verordnetem „Migrationshintergrund“  daraus schließen, dass wir auf einen Dauerplatz am Katzentisch abonniert sind? Das ließe sich nur machen, wenn wir die Demokratie abschaffen und die Allgemeinen Menschenrechte in den Wind schreiben. Eine Neuauflage autoritärer Herrschaft würde aber nicht lange funktionieren, denn der alternden autochthonen Bevölkerung steht eine junge gegenüber, die zu einem großen Teil aus dem Globalen Süden stammt: Schon jetzt hat rund ein Viertel der Einwohner*innen bundesweit eine mehr oder weniger direkte Zuwanderungsgeschichte, für Kinder im Kindergartenalter gilt das sogar für rund ein Drittel, und in Frankfurt für sogar über die Hälfte der Einwohner*innen.

Die ausgrenzende Kategorie „Migrationshintergrund“ ist inzwischen möglicherweise sogar die Definition einer neuen In-Group. Denn genau genommen haben wir alle einen Migrationshintergrund, weil die Menschheit schon immer wandert. Die Dessaives beispielsweise wanderten zur Zeit der Industrialisierung auf Arbeitssuche aus Belgien in den Ruhrpott ein, heirateten erst Frauen aus der alten Heimat, dann welche aus der neuen, und sind heute Deutsche. In der Weltwirtschaftskrise ging Opa Heinrich, damals Leiter eines Gutshof, als einfacher Arbeiter auf ein Auswandererschiff nach Buenos Aires, kam wieder, als sein Geld aufgebraucht war, gründete in der Nazi-Zeit eine zweite Familie und fasste im Nachkriegsdeutschland als Buchhalter wieder Fuß. Selbst Thomas und Heinrich Mann hätten nach heutiger Markierungspraxis einen Migrationshintergrund, weil sie eine deutsch-brasilianische Mutter hatten. Was bei der fortgeschrittenen wirtschaftlichen Verflechtung schon im niedergehenden Empire nicht verwunderlich ist. Verwunderlich ist, dass das erst jetzt bekannt wird.

Angesichts der Klima-Krise können wir uns die Preisgabe unserer Demokratie und der allgemeinen Menschenrechte aber nicht mehr leisten. Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh weist in seinem jüngsten Werk darauf hin, dass der Kolonialismus die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen ausgelöst hat: European colonialism helped create a planet in crisis. Die Fortsetzung kolonialer Praktiken und die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Wachstumsideologie würden die Krise des Planeten nicht lösen, sondern vertiefen. Wenn wir nicht aussterben wollen, müssen uns auf eine Welt einstellen, in der die Werte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte endlich gelebt werden: Partizipativ, respektvoll, vielleicht sogar liebevoll. Michael Herl fordert entsprechend in seiner Kolumne in der Frankfurter Rundschau vom 22.03.2022 „ein faires Miteinander aller auf der Welt.“ Klingt irgendwie banal, aber unsere Welt ist eben „Ein fatal-geniales Ganzes„.

Die Frankfurter Rundschau berichtet am 30.08.2022, dass der Club of Rome im September 2022 ein Survivalguide für unseren Planeten veröffentlicht hat und darin „Fünf Kehrtwenden“ vorschlägt, an erster Stelle eine Reform des internationalen Finanzsystems und eine Verringerung der Ungleichheit zur Überwindung der weltweiten Armut, außerdem Umstellung von fossiler auf saubere Energie, die Stärkung der Stellung der Frauen, und schließlich Umgestaltung der Nahrungsmittelproduktion.

Amitav Ghosh setzt seine Hoffnung auf Bürgerbewegungen, etwa die Black Lives Matter-Bewegung. Die wochenlangen Aufstände 2020 in den USA wegen der Ermordung von George Floyd, der Hafensturz der Colston-Statue, die Revision der Rolle von kolonialzeitlichen Helden: How to kill a god: the myth of Captain Cook shows how the heroes of empire will fall lassen eine Zeitenwende erahnen. Bereits eingeläutet: Das Ende weißer Immunität.

Noch wehren sich die ewiggestrigen alten weißen Männer gegen den Verlust ihrer Vormacht, sowohl in der Welt wie auch gegenüber Frauen, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Nach uns die Sintflut, und wenn es den Fortbestand der Welt kostete! Aber alle Imperien gehen irgendwann unter. Wollen wir dabei nur zusehen? Oder die neue Welt mit unserem heutigen Wissen auch mitgestalten?

Erste Veröffentlichung März 2018, letzter Update September 2022