Kolonialwaren

Nach dem Zweiten Weltkrieg sortierte sich die ganze Welt neu. Was vorher unwahrscheinlich gewesen wäre, wurde möglich, eine bessere Zukunft im Blick. 1951 trafen sich ein Mann aus dem de-kolonisierten Indien und eine Frau aus dem besiegten Nazireich, Kassam-Ali Jinna und Gertrud Dessaive, London für beide fremdes Terrain. Das Ehepaar Jinna bekam drei Mädchen: Mariam, Sorya und Susan. Die heterogene Namensgebung, ein Hinweis auf die Verwirrung der Eltern, spiegelt sich seltsam in der Heterogenität der Rahmen, die jede von uns als Erwachsene sich wählte: Eine wurde Zeugin Jehovas, eine CSU-Funktionärin, eine linke Feministin.

Das hinderte uns lange überhaupt nicht daran, unsere Familienbande zu pflegen und weltanschauliche Unterschiede mit Humor zu akzeptieren. Darüber kam die nächste Generation zur Welt, 11 neue Deutsche mit Migrationshintergrund, trotz herkunftsdeutscher Väter. Dann änderten sich die Zeiten und trieben uns auseinander: Divide and Rule. Neoliberaler Raubtierkapitalismus, explodierende Einkommensungleichheit, Gier, Egoismus, Rassismus. Einer ist offenbar zu den Reichsbürgern gewechselt. Eine wurde ärmer, die anderen wurden reicher. Dennoch leben wir drei, jede auf ihre Weise, im westlichen Wohlstand, unsere Imperiale Lebensweise weitgehend unhinterfragt. Den indischen Subkontinent betrachten auch wir durch die einschränkende koloniale Brille, nicht anders als alle anderen, vielleicht notwendigerweise.

Bloß private Familiengeschichten? Als Gesellschaft haben wir mit Kolonien doch nicht viel zu tun? Das waren doch die Engländer, Holländer, Franzosen und Spanier? Die strukturelle Verflechtung des aufstrebenden Kapitalismus mit der kolonialen Expansion schildert Yuval Noah Harari in A Brief History of Mankind.

Heute, da auch der letzte Winkel unseres Planeten vernetzt und vernutzt ist, werden die in den Kolonien bewährten Herrschaftstechniken des Kapitals bei uns wieder akut, eine Art Binnenkolonialisierung und Refeudalisierung Deutschlands. Ein Indiz ist die staatlich geförderte Umverteilung des Wohlstands von unten nach oben, etwa durch die Agenda 2010 und die Schaffung eines Niedriglohnsektors in einem der reichsten Länder der Welt: Divide and rule.

Das wichtigste soziale Instrument kolonialer Herrschaft, der Rassismus, breitet sich bei uns aus wie ein Virus und nimmt dabei auch neue Formen an, auch wenn der Zweck immer der gleiche ist: Ausgrenzung zu legitimieren. Noch profitieren hauptsächlich Weiße, wenn auch nicht alle. Gründe zur Ausgrenzung sind beliebig: Die bösen Braunhäutigen. Die bösen Muslime. Die bösen Armen. Die bösen Alten. Die bösen Langnasen. Die bösen Wasimmer. Das bedroht uns alle, auch die, die noch nicht betroffen sind. Potentielle Minderheiten gibt es in jeder Gesellschaft viele, jede*r von uns könnte zu einer oder auch mehreren gehören.

Besonders besorgniserregend, dass trotz der Aufarbeitung der Nazizeit noch immer die Rede ist von den Deutschen und den Juden, gern an Gedenktagen, als stammten die deutschen Juden aus China. Dabei plünderten und mordeten die Nazis eine markierte Minderheit aus der eigenen Bevölkerung, und zwar nach dem Vorbild der Ausplünderung und Ausrottung der indigenen Indianer in Amerika. Was andere markierte Minderheiten, beispielsweise uns Deutsche mit Migrationshintergrund, das Fürchten lehren könnte.

Gegenwärtig scheint wegen der Binnenkolonisierung unserer Gesellschaft unser ethnisch und kulturell vielfältiges demokratisches Miteinander richtig bedroht. Die Abschottung Europas, Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, die Militarisierung der Polizei, die ungeklärte Beteiligung der Sicherheitsbehörden an den NSU-Morden, die AfD im Römer, im hessischen Landtag, im Bundestag. Keine guten Aussichten für Angehörige von Minderheiten: Frauen. Alte. Kranke. Schwule. Behinderte. Migrationsdeutsche. Die Liste ließe sich verlängern.

Dabei sind wir Menschen im Auslieferungszustand Wanderer und als solche auf Gastfreundschaft und soziale Kooperation angewiesen: Meine deutschen Ahnen etwa wanderten zur Zeit der industriellen Revolution aus Belgien in den Ruhrpott ein. Dort haben sie gearbeitet, sich verpartnert, Kinder bekommen, irgendwann wurden sie Deutsche. Heute hat rund ein Viertel der Einwohner*innen bundesweit eine mehr oder weniger direkte Zuwanderungsgeschichte, für Kinder im Kindergartenalter gilt das sogar für rund ein Drittel.

Was tun? Die alten kolonialistisch-kapitalistischen Herrschaftsmethoden werden uns wahrscheinlich über kurz oder lang in den kollektiven Untergang treiben. Kapitalismus samt Neo-Kolonialismus zum Teufel jagen und eine neue Form des Zusammenlebens probieren? Imperiale Lebensweise aufgeben, den gemeinsam erwirtschafteten Wohlstand gerecht verteilen, und zwar an alle auf der Welt? Enteignung, wenn es um Güter der Daseinsvorsorge und des Gemeinwohls geht?

Dagegen wehren sich die alten Weißen in Machtpositionen natürlich mit Händen und Füßen und allen ihnen zur Verfügung stehenden, durchaus beachtlichen Mittel. Nach uns die Sintflut, und wenn es den Fortbestand der Welt kostete! War schon mal so, beim Übergang von der Weimarer Republik zum Nazi-Reich. Wollen wir das?

Dieser Blog ist ein Nachfolgemodell: Den Vorgänger löschte ich in meiner Verzweiflung, als ich 2014 aus der ersten Wohnung mittels des kriminellen Missbrauchs von Mikrowellen und tieffrequentem Schall vertrieben wurde. Trotz meiner inzwischen sechs Umzüge in sechs Jahren konnte ich noch keinen staatlichen Schutz aufrufen: Indiz für den Verfall unseres Gemeinwesens, das nun offenbar wirtschaftliche Interessen über die grundgesetzlichen Rechte von uns Bürger*innen stellt, beispielsweise auf Unversehrtheit der Person und der Wohnung. Wobei mein ausländisch klingender Name und insbes. mein muslimischer Vorname wahrscheinlich erschwerend hinzukommt. Mehr hier: Vibrierende Wohnungen.

Welchen Spielraum haben wir, um Fehlentwicklungen unseres Gemeinwesens zu korrigieren? Wieviel Zeit bleibt uns noch? Wie soll unsere gemeinsame Zukunft aussehen? Feedback: info@kolonialwaren-ffm.de

Erste Veröffentlichung März 2018, Update März 2020