Kolonialwaren

“The West won the world not by the superiority of its ideas or values or religion … but rather by its superiority in applying organized violence. Westerners often forget this fact; non-Westerners never do.” Samuel Huntington, Clash of Civilizations

Mit der „Entdeckung“ Amerikas fängt das Zeitalter der Kolonien an. Bis 1914 kontrollierten Europa und die USA zusammen 85% der Erde. Wir im Globalen Norden haben dabei große zivilisatorische Fortschritte gemacht. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die Kolonisierten des Globalen Südens dafür einen weit höheren Preis gezahlt haben als wir, und das noch immer tun. Denn die Machtverhältnisse haben sich nach der rechtlichen Dekolonisierung im letzten Jahrhundert nicht wirklich verändert und unsere Imperiale Lebensweise ist weiterhin unangefochten.

Was haben wir in Deutschland mit Kolonien zu tun? Die Verflechtung des weißen, christlichen Imperiums mit dem erstarkenden Kapitalismus und den dabei aufblühenden Wissenschaften schildert Yuval Noah Harari in A Brief History of Mankind. Das Ausbeutungssystem des „Globalen Nordens“ aka des „Westens“ als politisch-wirtschaftlicher Interessengemeinschaft gegenüber dem „Globalen Süden“, Asien, Afrika, Südamerika, wird u.a. dadurch aufrechterhalten, dass wir unsere blutige Gründungsgeschichte meist ignorieren.

Fast noch schlimmer ist allerdings, dass wir einander gern süßliche Geschichten darüber erzählen, dass uns unser Wohlstand zusteht: Wir sind doch die Fleißigen, die Tüchtigen, die Guten? Oxfam, Caritas, Brot für die Welt? Die „anderen“ brauchen doch die Arbeitsplätze, unsere abgelegten Kleider, unsere Entwicklungshilfe – mit der sie unser (inzwischen) überlegenes technologisches Wissen und unsere Exportgüter kaufen dürfen?

Vergessen und verdrängt, dass die Nazi-Diktatur als vorläufiger Höhepunkt „klassischer“ kolonialer Weltaneignung gilt, dessen Vorbild u.a. der Umgang der Amerikaner mit den indigenen Indianern war. Auch, dass die Nazis eine Minderheit aus der eigenen Bevölkerung, die deutschen Juden, nach diesem Vorbild „kolonisierte“ und damit in Europa neue Maßstäbe setzten.

Wir BürgerInnen Deutschlands hätten daher mehr Grund als die anderer Staaten, genauer hinzusehen: Ob etwa die Eingemeindung der DDR nicht auch als Spätform kapitalistischer Kolonisierung gesehen werden könnte? Stattdessen konsumieren wir fleißig weiter, damit unsere Wirtschaft gedeiht, verbrauchen dabei die Ressourcen der Welt, zerstören das ökologische Gleichgewicht, politische Systeme, nationale Ökonomien, beispielsweise in Südamerika, überziehen andere Länder mit Krieg.

Denn auch wir sind am Kriegsgeschäft beteiligt: Wir haben immer noch Truppen in Afghanistan stehen, unsere Rüstungsexporte fahren private Riesengewinne ein, und vom rheinland-pfälzischen Ramstein aus werden Afghanistan und der Norden Pakistans immer noch mit todbringenden Drohnen beschossen. Der „Krieg gegen den Terror“ hat schon zum Tod von mindestens 480,000 Menschen im Iraq, in Afghanistan und Pakistan geführt, über die Hälfte davon Zivilisten. Und jetzt kommen die Menschen des Globalen Südens zu uns, Wirtschaftsflüchtlinge, Kriegsflüchtlinge, Klimaflüchtlinge – und wollen auch noch ihre ganze Familie nachkommen lassen!?

Aus dieser derzeit populären Haltung spricht Abwehr aus Angst, und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Mauern werden uns einmauern. Wenn wir in Zukunft handlungsfähig bleiben wollen, müssen wir bedenken, dass die Opfer unseres imperialen Lebensstils dank weltweiter Vernetzung gut wissen, wem sie ihr Elend zu verdanken haben. Wir müssen also auf die alten Menschheitstechniken der Kooperation und des Teilens zurückgreifen. Darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen, dass die lange Phase der Kolonisierung der Welt nicht nur schreckliche Folgen für den Globalen Süden hatte, sondern auch bei uns nachwirkt. Pankaj Mishra hat am Beispiel des Ersten Weltkrieges nachgezeichnet, wie koloniale Gewalt zu ihren Urhebern zurückkehrte. Und die gegenwärtige Opioidkrise in Amerika steht möglicherweise in einem Zusammenhang mit der Flutung Chinas mit Opium im 19. Jahrhundert – Fentanyl, in China zusammengekocht, wird jetzt in die westlichen Märkte gedrückt.

Heute, da neue Länder nicht mehr zu entdecken sind, da auch der letzte Winkel unseres Planeten vernetzt und vernutzt ist, werden die in den Kolonien bewährten Herrschaftstechniken bei uns wieder akut, eine Art Refeudalisierung Deutschlands: Die Politik des „divide and rule“, die staatlich geförderte Umverteilung des Wohlstands von unten nach oben, etwa durch die Agenda 2010 von SPD (und Grüne), durch den weiterhin nicht unterbundenen CumEx-Steuerdiebstahl durch Reiche, die Schaffung des Niedriglohnsektors in einem der reichsten Länder der Welt, menschenrechts- und grundgesetzwidrige Hartz-IV-Sanktionen, scheinbar gerechte, aber in Wirklichkeit beabsichtigt dysfunktionale Deals, beispielsweise das sogenannte Teilhabepaket oder die sogenannte Mietpreisbremse, die so auffällig die Handschrift der Immobilienwirtschaft trägt.

Das wichtigste soziale Instrument kolonialer Herrschaft, der legitimierende Rassismus, breitet sich im Globalen Norden derzeit aus wie ein Virus und nimmt dabei immer neue Formen an. Noch dominiert das klassisch-biologistische Narrativ, von dem Weiße profitieren, wenn auch nicht alle. Ich Rassist? Nur Nazis sind Rassisten! Aber Gründe zur Ausgrenzung sind beliebig: Die bösen Muslime. Die bösen Armen. Die bösen Alten. Die bösen Langnasen. Die bösen Wasimmer. Das macht uns allen Angst, auch denen, die noch nicht betroffen sind. Potentielle Minderheiten gibt es in jeder Gesellschaft viele, jede*r von uns könnte zu einer oder auch mehreren gehören.

Eigentlich ist Exklusion, die Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen, ein aufwändiges und gefährliches Unterfangen, wir wissen das gut aus der Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes, als sogenannte Asoziale, Menschen mit psychischen oder physischen Auffälligkeiten, Wohnsitzlose, Arbeitslose, sogenannte Zigeuner und vor allem die Deutschen jüdischen Glaubens ausgegrenzt, ausgeplündert, vertrieben, mit industriellen Mitteln ermordet wurden. Am Ende lag Deutschland in Schutt und Asche, und ohne die Angst der Amerikaner vor dem Kommunismus wären wir nicht da, wo wir heute stehen. Wobei generationenübergreifende psychische wie materielle Schäden bis heute vorhalten: In Frankfurt wurde kürzlich eine neue „Altstadt“ eröffnet, 70 Jahre nach Zerstörung der alten. Und Bomben aus dem zweiten Weltkrieg werden im aktuellen Bauboom immer noch entschärft.

Effizienter und menschenfreundlicher ist die Inklusion. Bis zum Zusammenbruch des sozialistischen Blocks und der Eingliederung der früheren DDR in die BRD waren wir im kapitalistischen Westen Deutschlands systematisch eher inklusiv. Religionszugehörigkeit oder ethnische Herkunft hatten nicht annähernd das Gewicht, das ihnen heute von interessierter Seite beigemessen wird. Spätestens nach der „Wende“ wurde bei der Integration von Zuwanderern aus dem muslimischen Kulturkreis offenbar der Rückwärtsgang eingelegt, eine Exklusion, die ihren Preis hatte: Wären in den Gliederungen der Sicherheitsbehörden und den öffentlich-rechtlichen Medien mehr zugewanderte Deutsche beschäftigt gewesen, hätte beispielsweise die NSU-Mordserie so nicht stattfinden können. Die demokratische Inklusion ist in einer derart komplexen und gleichzeitig so vernetzten Welt überhaupt die einzig Möglichkeit, Probleme der Neuzeit in den Griff zu bekommen, etwa unser explosives Finanzsystem oder unsere bedrohte Umwelt.

Wir Menschen sind im Auslieferungszustand Wanderer und als solche auf Gastfreundschaft und Inklusion angewiesen: Meine deutschen Ahnen etwa wanderten zur Zeit der industriellen Revolution aus Belgien in den Ruhrpott ein. Als Zuwanderer haben sie hart gearbeitet, Steuern und Sozialbeiträge bezahlt, sich verpartnert, Kinder bekommen, und irgendwann ließen sie sich auch einbürgern. Wir heutigen Deutschen sind aus diesem Grund ethnisch sehr vielfältig: Bundesweit hat rund ein Viertel der Einwohner eine mehr oder weniger direkte Zuwanderungsgeschichte, nach der zeitlich engen Definition des sog. Migrationshintergrundes, im Kindergartenalter gilt das sogar für rund ein Drittel. Und obwohl Ewiggestrige das nicht wahrhaben wollen: Deutschland ist schon lange ein Einwanderungsland und darüber zu einem der reichsten Länder der Welt geworden.

Wobei der Wohlstand des Westens, und damit auch Deutschlands, immer noch überwiegend auf dem fortgesetzten kolonialen Raubbau am Globalen Süden beruht. Eine gründliche Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte analog der Aufarbeitung der Verbrechen des Naziregime würde dazu beitragen, unsere rechtstaatlich-demokratischen Standards zu befestigen. Ein vielversprechender erster Schritt ist die Reflexion unserer kolonialen Vergangenheit und die beginnende Rückgabe von musealen Artefakten an die ursprünglichen Besitzer.

Und weil es uns so schwer fällt, unseren Opfern zu vergeben, und so leicht, unsere Schuld auf sie zu verschieben: Wir brauchen ein Format wie die Wahrheits- und Versöhnungskommission, die in Südafrika das verbrecherische Apartheid-Regime aufzuarbeiten versucht hatte: Um Tätern Schuldeingeständnisse zu ermöglichen und Opfern materielle Entschädigung und soziale Genugtuung zu verschaffen.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, nach dem Zweiten Weltkrieg, nach den Greueln der Nazi-Diktatur, als moralische Mahnung verfasst und zwar besonders als Mahnung an Deutschland, ist noch längst nicht eingelöst, spiegelt aber doch die Weiterentwicklung unseres Selbstbildes als Menschen: Hin zu rechtlich und moralisch gleichwertigen Mitgliedern eines demokratischen Gemeinwesens, vielleicht der EU? Oder einer Weltgesellschaft??

Gegenwärtig scheint unsere Demokratie jedoch bedroht. Der zunehmende Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, die Militarisierung der Polizei, die ungeklärte staatliche Beteiligung an den NSU-Morden und an anderen Terrorakten, die AfD neuerdings im Römer, im hessischen Landtag, im Bundestag, all das weist in diese Richtung. Keine guten Aussichten für Angehörige von Minderheiten: Frauen etwa. Migrationsdeutsche. Alte. Kranke. Schwule. Behinderte. You name it. Die einzigen, die davon ausgenommen wären: Weiße deutsche Männer, jung bis mittelalt, christlich, gesund und „natürlich“ heterosexuell.

Was tun? Das selbst in der Linken befürwortete bedingungslose Grundeinkommen etwa ist keine Lösung für das Problem der zunehmenden finanziellen Ungleichheit: Es würde eine echte Lösung verhindern und die Klasse der ausbeutbaren niedriglöhnenden Dienerschaft nur vergrößern. Existenzsichernder Mindestlohn, Abschaffung der Hartz-Sanktionen, gerechte Verteilung des gemeinsam erwirtschafteten Wohlstandes, Umverteilung, auch Enteignung, wenn es um Güter des Gemeinwohls geht, das wären Lösung, die kommenden, ethnisch vielfältigeren Generationen zugute kämen.

Aber daran haben die alten weißen Männer aus dem regierenden konservativen bis rechtsradikalen politischen Spektrum kein Interesse. Sie haben ja keine Zukunft: Nach uns die Sintflut, und wenn es den Fortbestand der Welt kostet. Wollen wir das zulassen? Wäre es nicht langsam an der Zeit, sich radikal für die Demokratie in Deutschland und für ein demokratisches Europa zu engagieren? Sollten wir nicht endlich nach Lösungen für soziale Probleme suchen, die uns allen helfen – und nicht nur denen, die ohnehin schon unsere Ressourcen an sich gerissen haben?

Dieser Blog ist ein Nachfolgemodell: Den Vorgänger musste ich löschen, als ich 2014 aus der Wohnung einer Frankfurter Wohnbau-Genossenschaft, dem Beamten-Wohnungs-Verein, mittels tieffrequentem Schall vertrieben wurde: Kein Einzelfall, auch wenn die wenigsten davon gehört haben dürften, sondern Indiz für einen Paradigmenwechsel, eine Art sozialer Toxoplasmose: Unser steuerfinanzierter Staat hat, neoliberal umgepolt, die Wirtschaft „dereguliert“, also aus der öffentlichen Kontrolle entlassen, und stellt nun deren Interessen über die grundgesetzlichen Rechte von uns Bürger*Innen, beispielsweise auf Unversehrtheit der Person und der Wohnung.

Wie ich dank einer unglaublichen Regelungslücke, die der sog. Energiewende und der Energiewirtschaft zugute kommt, aus meiner Wohnung vertrieben und umweltsensibel gemacht wurde, ist hier nachzulesen: Vibrierende Wohnungen. Ob ich das erleben musste, weil ich eine Deutsche mit Migrationshintergrund bin? Rettung der Umwelt auf Kosten der Menschen, die zu einer Minderheit gehören??

Auf diesem Forum nehme ich meine Reflektionen wieder auf, was Deutschsein heute für mich bedeutet und wie wir als respektvoll-inklusive und tolerante Gemeinschaft besser zusammenleben können: In der Hoffnung auf eine friedliche, rechtstaatliche, demokratische und ökologisch nachhaltige Weltgesellschaft. Über Feedback als Anlässe für weitere Reflektionen freue ich mich: info@kolonialwaren-ffm.de

März 2018, letzter Update Dezember 2018