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Gedenken auf dem Philipp-Holzmann-Weg

Einer der neuen Wege Frankfurts, die sich die Postzusteller nicht zu merken brauchen: Der Philipp-Holzmann-Weg im Ostend. Denn an diesem Fußweg zwischen Hanauer Landstraße und Mainufer wohnt niemand. Auf der einen Seite prunkt das monumentale EZB-Gebäude auf großem und unzugänglichem Gelände. Auf der anderen bremst ein Bahndamm schweifende Blicke.

Dazwischen ein heller Betonplatten-Weg mit Grünstreifen. Auf halber Höhe ein verglaster Abzweig, stets verschlossen, der in den alten Teil des EZB-Gebäudekomplexes führt: In den Keller der früheren Großmarkthalle, heute eine Gedenkstätte, aber erst nach Einspruch von engagierten Bürger*innen. Erinnert wird an dieser Stelle und auf dem ganzen Fußweg an die etwa 10.000 jüdischen Frankfurter*innen, die in der Zeit des Nazi-Terrorregimes ab 1941 hier gesammelt und per Reichsbahn zur Ermordung nach Osten verfrachtet wurden.

Eingraviert in die Betonplatten erinnern Auszüge aus Briefen und Tagebüchern an die Menschen, die von der organisierten Gewalt der Nazi-Schergen getroffen wurden, oft unter Beifall der nicht betroffenen Mitmenschen. Ein letzter Gruß einer Mutter an ihre Kinder. Details öffentlicher Demütigung. Umstände des Massentransports in den Osten. Aber: Können die etwa 10 Zeugnisse von Opfern und Zeugen das Leid der 10.000 wiedergeben? Gibt es Gedenkorte für die Opfer der Nazi-Greuel in Deutschland oder anderswo, an denen solche Texte in den Fußweg eingraviert sind?

Ein Weg ist ja zum Betreten gemacht. Diese Texte im Boden, nur in einer Laufrichtung lesbar, verlangen Ausweichen – oder Hartleibigkeit, gefördert durch den Anblick des Weges, verschmutzter heller Beton, übersät mit schwarzen Kaugummiflecken. Gemessen an anderen Gedenkformaten, etwa für die Gefallenen der beiden Weltkriege, wirkt auch der Eingang zum Gedenkort im Keller in seiner modernen Glätte beliebig. Das könnte auch der Eingang zu einer Tiefgarage sein, trotz des Textes in der gläsernen Wand, die den Zugang verwehrt.

Dass das Gedenken hier eher heruntergespielt wird, macht vielleicht die Beliebtheit des Weges aus, viel begangen, viel befahren, Roller, Radler, E-Bikes, Kinderwagen, ab und zu sogar Rollatoren und Rollstühle. Eine angenehme Transitstrecke und ein schöner Ort zum Verweilen. Hunde werden hier Gassi geführt, Geschäftchen in die Grünstreifen und danach (meist) in rote Beutelchen. Die Unterführung unter dem Bahndamm ist als Location bei Fotografen beliebt. Junge Leute mit lauten Musikmaschinen schätzen den Hall, Kinder testen unter dem Bogen gern ihre Stimmstärke. Menschen unterschiedlicher Ethnie üben am Ende des Weges, der sich in der Nähe des Mains zu einem weiten Platz öffnet, regelmäßig zu südamerikanischen Klängen die erotisch-eleganten Schritte des Tango.

Manchmal bleiben Leute an den Texten zu ihren Füßen stehen, buchstabieren sich durch, reden darüber, manchmal auch in anderen Sprachen. Ob alle einordnen können, worauf sie ihre Blicke gerade richten? Ob nicht der eine oder die andere, des Deutschen bzw. Englischen nicht kundig, dies für eine Art Heldenerzählung halten könnte? Warum gib nirgends Erklärtafeln?

Auch die Benennung des Weges lässt vermuten, dass ein Gedenken an die ermordeten jüdischen Frankfurter*innen nicht in erster Linie bezweckt wurde. Denn ausgerechnet das Unternehmen Philipp Holzmann war an einem Verbrechen beteiligt, die den Nazis als Blaupause für die technokratisch-industrielle Ausplünderung und Ermordung des jüdischen Teils der deutschen Bevölkerung diente. Wikipedia: „Beim Bau der Bagdadbahn 1903 lieh sich das Unternehmen kostenlos 10.000 armenische Zwangsarbeiter von der Osmanischen Armee, die anschließend mit selbiger Bahn im Zuge des Völkermords an den Armeniern deportiert wurden.“

Dass mit der religiösen Minderheit der Juden in Deutschland in diesen aufgehetzten Zeiten öffentlich so geschichtsvergessen umgegangen wird, das betrifft uns alle, die wir zu irgendeiner Minderheit gehören, also die meisten. Philipp-Holzmann-Weg schnellstens umbenennen?

PS am 9.8.19: Hab die Broschüre des Hochbauamts wiedergefunden, „Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle“, undatiert, wahrscheinlich zur Eröffnung der Gedenkstätte im November 2015 herausgegeben. Über 10.000 jüdische Frankfurter*innen wurden von der Großmarkthalle aus mittels Reichsbahn verschleppt, heißt es hier. Merkwürdig, dass auf der Website ECB.europa.eu … unter der Rubrik „Sonstige Besuchsangebote“ von „fast 10.000 jüdischen Mitbürgern“ (ungegendert!) die Rede ist. Laut Broschüre sind es 26 Texte, kein Hinweis auf Auswahlkritierien. Die Mehrzahl der Texte ist offenbar im Keller der Großmarkthalle: nicht ohne weiteres öffentlich zugänglich. Was ebenfalls fehlt, ist ein Hinweis auf die Benennung dieses Weges. Daraus könnte geschlossen werden, dass der Weg zur Eröffnung noch nicht benannt war. War das so?