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Bin ich Deutsch-Inderin?

Gestern kündigte eine hr2-Radiomoderatorin einen Musiker als Deutsch-Koreaner an: Vorname Koreanisch, Nachname Deutsch, die Reihenfolge ist völlig egal. Warum sagte sie nicht: Deutscher mit koreanischen Wurzeln? Warum wurde die Herkunft des Musikers überhaupt benannt? Rassismus in einem öffentlich-rechtlichen Sender?

Ich blieb an der Ansage der Radiomoderatorin hängen, weil ich schon seit Jahren über die verbalen Verrenkungen staune, mit denen das nicht-richtig-Deutschsein des Objekts der Berichterstattung kenntlich gemacht werden soll. Wäre ich in den Augen der Macher dieses politisch eigentlich unverdächtigen Kultursenders also eine Deutsch-Inderin? Eine Deutsch-Pakistani? Oder gar eine Deutsch-Engländerin? Jede dieser Zuschreibungen hätte einen Bezug zu meiner Biographie, würde für mich aber lächerlich klingen. Ich bin einfach Deutsche. Aber Deutschen wie mir fällt es unangenehm auf, wieviele Deutsch-Türken es in der medialen Berichterstattung gibt, und wie wenige Deutsch-Engländerinnen – oder würde irgendwer auf die Idee kommen, Katarina Barley so zu katalogisieren?

Sei ich eine normale Deutsche? Das fragte mich neulich eine Mitbewohnerin in unserem Haus. Sie ist Ostpreußin, hört man noch am rollenden R und an manchen altertümlich klingenden Formulierungen. Ostpreußen ist inzwischen teils polnisch, teils russisch. Sie hält sich für eine normale Deutsche. Mich allerdings offenbar nicht mehr, seitdem sie meinen Vornamen mitgekriegt hat. Mariam: Klingt heutzutage nach Fremdheit und ein bißchen nach Terrorgefahr: Ich werde immer noch als Mann angeschrieben. Muss also immer wieder aktiv werden, um richtig zu stellen, welchem Geschlecht, welcher Glaubensrichtung und welcher Nation ich zuzuordnen bin. Wobei diese Zuordnungen allesamt fragwürdig und als Herrschaftsinstrumente bekanntlich leicht mißbrauchbar sind.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Kategorie der Russland-Deutschen für Deutsche aus Russland, seit vielen Generationen eigentlich Russen, aber vielleicht noch ein bißchen blutsverwandt. Russland-Deutsche. Nicht: Deutsch-Russen.

Ich habe mal eine kennengelernt, die vor etwa dreißig Jahren als junge Erwachsene mit ihrer Herkunftsfamilie aus Russland eingewandert ist. Obwohl sie auf Drängen der zuständigen bayerischen Behörde ihren Vornamen eingedeutscht hatte – aus Lilliana wurde Lilli, der Nachname war deutsch – wird sie natürlich ebenso ausgegrenzt wie alle anderen kenntlichen Zuwanderer: Auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt, im sozialen Leben. Sie spricht zwar gutes Deutsch, aber mit Akzent, sie ist weißhäutig, sieht aber ziemlich russisch aus: Eine neue Ausgrenzungskategorie in der kollektiven Wahrnehmung. *

Was soll das eigentlich? Warum in Dreiteufelsnamen wird einem ausgerechnet in Deutschland immer noch ein Strick aus einer Andersartigkeit gedreht, die eigentlich für uns als Kollektiv eine Bereicherung ist? Ethnische Herkunft (wenn nicht kaukasisch), religiöse Zugehörigkeit (das Judentum bei den Nazis, der Islam heute), sexuelle Orienterung (wenn nicht schlicht binär), whatever. Warum können Leute nicht wie in anderen Ländern einfach Barack Obama oder Sadiq Khan heißen, Augenmerk auf persönliche Leistungen, ohne dieses ausgrenzende Herkunftsgewürge bei Abweichungen von überholten und obendrein gründlich diskreditierten sozialen Ordnungsvorstellungen?

*In der Süddeutschen vom 25. Juli 2019 wird die Hochstaplerin Anna Sorokin als Deutsch-Russin bezeichnet: Hat sie das Privileg des vorrangig Deutschseins wegen Fehlverhalten eingebüßt?